Esoterik – Schlagwort der heutigen Zeit

Esoterik – das Schlagwort der heutigen Zeit
gekürzter Vortrag, gehalten im Rahmen der Vortragsreihe Bildungraum-Fricktal 2008

Als Definition für das Wort Esoterik biete ich an:
• .. ein Sammelbegriff für ein weites Spektrum an Lebensanschauungen welche die spirituelle Entwicklung betonen, jedoch keine Religion im engeren Sinn sind.
• Der Name leitet sich aus dem griechischen Adjektiv esoteros ab, das mit „der Innere“ übersetzt werden kann. Oder aber mit „nach innen gerichtet“ als Gegensatz zum Materiellen, das nach aussen gerichtet ist.
Lange Zeit aber war die Esoterik nur einem Inneren Kreis von Eingeweihten zugänglich. Schon immer war das Unbekannte, Geheime, Unerklärliche und damit Okkulte etwas, was die Menschen fasziniert hat.
Nachdem es aber aus dem Schatten des Geheimen ans Licht gebracht wurde verlor es an Anrüchigkeit. Es wurde salonfähig.
Vieles von dem, was sich als Wirtschaftsmarkt entwickelt hat ist seit Jahrtausenden bekannt. Meditation, in den indischen Veden ca. 1500 v. Chr. beschrieben oder das Yoga von Patanjali als Lehrschrift in den Yoga-Sutren ca. 200 v. Chr. verfasst, wird heute nicht mehr naserümpfend als Geheimlehre angesehen. Obwohl vieles noch nicht so recht begriffen wurde. Denn Yoga ist mehr als nur eine Leibesübung, es ist in erster Linie ein Weg sich mit Brahman, dem Göttlichen im Menschen zu vereinen. Es ist also spirituell, genauso wie Meditation. Sie dient ja nicht nur dazu mal zur Ruhe zu kommen. Sondern soll uns mit dem wahrem Selbst, was der Buddhismus die Buddhanatur und das Christentum Christusbewusstsein nennt in Verbindung bringen.
Wie Paulus es sagte: „Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“
Manche Leute behaupten, Esoterik habe so viel Zulauf, weil die Menschen nicht mehr an Gott glauben.
Vor der Institutionalisierung der Kirchen gab es den Glauben an die Kraft der Natur, an Geistwesen aus einer anderen Welt, an übersinnliche Kräfte. Die Kirchen haben sich mit Macht dagegen gestemmt und was früher öffentlich war musste im Geheimen praktiziert werden.
Im Laufe der Zeit aber erstarrte insbesondere die christliche Religion, sie konnten die tiefe Sehnsucht der Menschen nicht mehr befriedigen. Angst als alleiniges Machtmittel verlor seine Wirkung.
Dies auch, weil sich die Wissenschaften vorwärts entwickelten. Vieles was unerklärlich war fand eine logisch, plausible Erklärung.
In dem Masse also wie Kirche und Wissenschaft sich ausbreiteten, entwickelten sich die esoterischen Lehren zurück.
Je mehr nun aber in unserer heutigen Zeit, die Kirchen einerseits an Akzeptanz verlieren, sich aber andererseits, Gott sei Dank, öffnen und die Wissenschaft insbesondere die Quantenphysik sich immer mehr von der sichtbaren Welt, vom Materialismus entfernen muss, steigt die Kurve wieder an zugunsten der Esoterik.
Unterschiedliche Weltbilder treffen zwar aufeinander und kulturelle Unterschiede werden deutlich, aber die Essenz weist auf das Gemeinsame hin: die ewige Sehnsucht nach der Erkenntnis über den Sinn des Lebens, dem Sinn der eigenen Existenz und der Suche nach Gott. Man beruft sich auf jahrtausende alte Lehren, die die Entwicklung des Menschen beeinflusst haben und die heute noch Gültigkeit besitzen oder eine neue Gültigkeit gewinnen.
Insbesondere durch die Quantenphysik zeigen sich Überschneidungen. Ich möchte nur Fritjof Capra nennen, dessen Bücher, „Das Tao der Physik“ und „Wendezeit“ lange Zeit auf den Bestellerlisten waren. Sie zeigen eine neue wissenschaftliche Sichtweise, die sich dem Prinzip der Ganzheitlichkeit unterwirft. Wie Parmedides, der alte Grieche, schon sagte: „Alles hängt mit allem zusammen.“
Mit der Transpersonalen Psychologie von Maslow, Grof und vor allem Ken Wilber ist nach Jahren der extremen Gegensätze eine neue Brücke gebaut worden. Gottfried Graf von Dürckheim war wohl die bekannteste deutsche Persönlichkeit, die sich offen mit den Theorien und Praktiken vor allem aus China und Indien auseinandersetzen. Der Schweizer C.G. Jung hat viele Elemente in seine Form der Psychotherapie einfließen lassen.
Die Lehre vom Karma, dem Zusammenspiel von Ursache und Wirkung erhielt neuen Diskussionsstoff durch die Bücher von Dr. Raymond Arthur Moody „Das Leben nach dem Tod“ und seinem Folgeband „Das Leben vor dem Leben“. Viele Psychotherapeuten suchen heute nicht mehr nur in der aktuellen Lebensgeschichte nach Ursachen für Störungen, sondern bedienen sich der Reinkarnationstherapie.
Joseph Murphy mit seinen Veröffentlichungen über die „Kraft des positiven Denkens“ ist heute Bestandteil jeder modernen Managementschulung und werden als Mentaltraining vor allem im Sport eingesetzt.
Mental-Training ist eine Methode der positiven Lebensgestaltung – im Denken, Wollen und Tun.
Ein weites Feld bietet auch die Medizin, darauf komme ich später noch mal zu sprechen.
Ich erinnere hier nur an die Hildegard-Medizin oder die chinesische Medizin, an Aryuveda, und auch die Homöopathie. Ohne die Öffnung für altes Wissen wäre sie unbeachtet und ungenutzt geblieben
Die Reihe ließe sich endlos vorsetzen. Aber ich wollte nur aufzeigen, wie stark doch der Einfluss esoterischer Themen bereits ist. Und anerkannt ist.
Die Kirche hat gelernt und die Kontemplation neu belebt durch die Meditationen, die aus den östlichen Kulturen zu uns gekommen sind. Zen, eine buddhistische Meditationsform wird heute in vielen Klöstern praktiziert. Katholische Priester und evangelische Pfarrer sind Zenmeister. Das Enneagramm mit seiner Nähe zum Sufitum, der islamischen Mystik wird heute als Typenlehre genutzt und es waren die Jesuiten, die diese Sicht des Enneagramms entwickelt haben.
Noch streiten sich Wissenschaftler mit Esoterikern – die einen sind zu rational, die andern zu irrational. Aber die Wissenschaft muss zugeben, dass auch für sie inzwischen vieles nicht mehr so einfach zu beweisen ist.
Am meisten hat mich fasziniert und in meiner eigenen Erfahrung getröstet, dass die Quantenphysik behauptet: etwas kann eine Welle und ein Teilchen sein – zur gleichen Zeit.

Die Esoteriker hoffen auf ein neues Zeitalter, dass uns eine Bewusstseinserweiterung beschert in dem man sich rückbesinnt auf die alten Weisheitslehren. Nicht der Rückfall in Aberglaube, keine Flucht ins Irrationale ist gewünscht, sondern die Anerkennung, dass es eben auch Nichterklärbares, Unbeweisbares gibt, das vom Menschen zwar nicht verstandesgemäß begriffen werden, dafür aber erfahren werden kann. In der Esoterik zählt nicht der wissenschaftliche Beweis, sondern die persönliche Erfahrung.
Ernsthaft Suchende warnen allerdings auch davor, dass altes Wissen in den Händen eines „Zauberlehrlings“ viel Schaden anrichten kann. Und wenn man sich den esoterischen Markt so anschaut, was sich da alles tummelt, dann ist Vorsicht auch geboten. Es wird aber auch viel Missbrauch getrieben unter dem Schlagwort Esoterik.
Trotzdem sollte man nicht alles in Bausch und Bogen verurteilen.
So wie es gute Mediziner gibt, die ihren Beruf mit innerer Leidenschaft ausüben, so gibt es doch auch welche, die lediglich viel Geld verdienen wollen und den Status geniessen. So wie es unter den Bio-Bauern welche gibt, die nicht biologisch einwandfrei anbauen, aber die teureren Preise für ihre Produkte wollen, so liegt der Mehrheit doch die Ökologie am Herzen und sie nehmen aus innerer Überzeugung Mühe und Kosten auf sich, um dem Anspruch biologisch einwandfrei gerecht zu werden.
Also schütten wir das Kind nicht gleich mit dem Bade aus, aber verlieren wir auch nicht den Kopf.
Viele Esoteriker selber beklagen sich über einen „Supermarkt der Spiritualität“. Sie beklagen, dass ehrwürdige Wissen würden in der Konsumgesellschaft zur Ware, wobei sich verschiedene Trends und Moden schnell abwechselten. Dieser Umgang sei oberflächlich, reduziere Spiritualität auf Klischees und beraube sie ihres eigentlichen Sinns.
Ich stimme ihnen zu.

Die meisten Bereiche der Esoterik werden als Erfahrungswissenschaft bezeichnet. Denn hier ist eine reale Erfahrung ausschlaggebend.
Natürlich kann ich, wenn ich die Erfahrung als Kriterium zugrunde lege nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen.
Der Mensch ist ein Individuum, keine seiner Erfahrung lässt sich exakt wiederholen. Das aber verlangt die „Schulwissenschaft“.
Eine einmal gemachte Erfahrung aber prägt unser ganzes weiteres Leben.
"Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio."
Shakespeare in "Hamlet" (Akt l, Szene V)