A - wie Alter und Abschied

Das einzig Beständige ist der Wandel, lehrte der Buddha. Wie wahr!

Ich werde nun 64 Jahre alt, auf dem Kalender. Ich habe kein Gefühl für dieses Alter. Mein ICH-BIN jenseits aller Rollen, die ich im Theaterstück „Mein Leben“ spiele, ist ohne Alter. 

Es sind Äusserlichkeiten, die mir mein Alter vor Augen halten. Das Heranwachsen der Kinder um mich herum, die grauen Haare, die immer mehr werden, die Zeit, die scheinbar schneller verfliegt und die Altersrente, die ich in der Schweiz schon beziehen darf.

In der indischen Philosophie gibt es vier Lebensabschnitte. Das Alter ist der vierte und letzte Abschnitt.  Die Alten ziehen sich zurück, ihre Aufgaben für Familie und Gemeinschaft sind erfüllt. Sie widmen ihre verbleibende Lebenszeit der Spiritualität und bereiten sich auf das unvermeidliche Sterben vor. Oft verlassen sie ihr Zuhause, ihre materiellen Errungenschaften - sie lassen los. 

Sich zurückziehen und loslassen ist eine gute Vorbereitung auf das Alter und das Sterben. Alt werden wollen wir ja fast alle, aber nicht auch alt sein. Denn Alt-Sein bringt Beschränkungen mit sich, kann mühsam und schmerzvoll sein.

Etliche Abschiede stehen an – ganz konkret von Menschen, die, nur ein paar Jahre älter als ich, sterben. Abschied von der Kraft und Belastbarkeit – ganz konkret wird die Gartenarbeit mühsam, wir müssen den Garten pflegeleichter gestalten und uns vielleicht einen Rasenmähroboter anschaffen.

Mein vierter Lebensabschnitt hat begonnen, in dem mir das Älter-werden bewusster wird und die Abschiede gehören dazu. Ich lerne das Loslassen. 

Zu meiner Vorbereitung gehört die Auseinandersetzung mit der Möglichkeit, ins Altenheim zu müssen. Ich habe mir eine Liste gemacht, welche von den hunderten von Büchern, die ich habe, ich mit ins Altenheim nehmen will, wenn ich mich auf ein Zimmer beschränken muss. In dieser Phase habe ich etliche Bücher verschenkt, ihnen gedankt, mich verabschiedet und sie losgelassen.  


Sei allem Abschied  voran,
als wäre er hinter dir,
wie der Winter, der eben geht.

Rainer Maria Rilke
(Sonette an Orpheus, zweiter Teil,13)


Ich hoffe, ich kann, wenn es soweit ist, leichten Herzens das Leben loslassen.


Ergänzung Alter und Abschied November 2025

In dem vorherigen Text habe ich mich auf mein eigenes Altern, das Abschiednehmen von Vertrautem, auch den meines Lebens bezogen. Und obwohl ich damals geschrieben habe, dass wir von Menschen Abschied nehmen müssen, kam mir nicht in den Sinn, dass es mich selbst so direkt treffen könnte. 

Heinrich, mein Mann und Weggefährte, hat am 10.11.2023 diese Welt verlassen, ist wieder aufgegangen im Licht und in der Liebe.

Wie er es in einem persönlichen Abschiedsbrief noch formuliert hat: «Das Heinrich-Meyer- Ich ist aus der stetig rollenden Gegenwart endgültig befreit, schwebt in der unvorstellbaren Leichtigkeit des Nicht-mehr-Seins.»
Auf dieses Loslassen-müssen war ich damals noch nicht vorbereitet.

Für seine Abdankungsfeier, die er selbst gestaltet hat, hat er sich das Gedicht «Stufen» von Hermann Hesse gewünscht:


Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in neue, andre Bindungen zu geben.

Und jedem Abschied wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

 

Ich habe zwei Jahre gebraucht, mit der Lücke leben zu lernen und in ein «anderes» Leben zu finden. In ein Leben «ohne», in einen Neubeginn.

Mein Fazit aus dieser schmerzhaften Erfahrung: Man kann und sollte sich vorbereiten, nicht nur auf das Alter und den eigenen Abschied vom Leben, sondern auf jeden Abschied.

Wir müssen uns immer wieder darüber bewusst sein, dass Nichts bleibt, wir Nichts wirklich festhalten können. So wie der Atem kommt und geht, wir aufnehmen dürfen, aber wieder loslassen müssen, so gehen die Tage, die Jahre, geht das Leben. 

So gehen geliebte Menschen, treue Haustiere oder einfach nur die Fülle des Sommers.

Leben wir, sehen wir, trotz Abschiedsschmerz, noch die Fülle, die es immer noch gibt!


Lassen wir uns mit Geduld und Vertrauen durchs Leben tragen, sonst verpassen wir den Zauber, der uns beschützt und erkennen nicht, wie und wo er hilft.