Weihnachtsgeschichten


Weihnachten kann man auch anders sehen

Weihnachten kann man auch anders sehen, zum Beispiel, wenn man dieses Fest in einem nicht-christlichen Land erlebt. So wie ich, als ich vom 04. Oktober 1986 bis zum 24. März 1987 also auch über Weihnachten in Indien war. Damals schrieb ich Briefe an meine Familie und Freunde, die eine Art Tagebuchersatz waren. Hier einige Auszüge daraus.

Diese Geschichte können Sie sich auch, von mir selbst gesprochen,

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Weihnachtsvorbereitung in Indien!


Irgendwie ist es schwer, hier Weihnachtsstimmung zu bekommen. Die hohen Temperaturen, bis zu 40°C und die Moskitos erschweren das Ganze noch zusätzlich.

 

Wenn ich hier mal einen Fernseher sehe, hat der Nachrichtensprecher keinen Adventskranz neben sich stehen. Wenn ich in die Stadt fahre, sehe ich keine Lichterketten in Form von Schneeflocken oder Sternen. Und es gibt keine Kaufhäuser, in denen Weihnachtslieder gedudelt werden oder Schaufenster mit Christkind-, Engel- oder Weihnachtsmannfiguren dekoriert sind.

 

Dafür aber sehe ich die Slums, die ja gar nicht nur auf bestimmte Bezirk begrenzt sind, sondern elende Hütten, ein Bretterverschlag, ein Lumpenzelt finde ich hier an jeder Ecke, an jedem Wegrand. Drei Stangen mit einem Lappen darüber dienen den Menschen als Wohnung, und ich sehe viele Kinder darunter hocken, denen das ein Zuhause ist.

 

Dann erinnere ich mich, dass Jesus in einem Stall geboren wurde, und in einer Krippe lag, auf Stroh gebettet, nicht in Daunenfedern gehüllt.

 

Oder ich sehe die Jains, eine Religionsgruppe, die das Tier als Lebewesen hoch achtet, manche sogar den Boden mit einem kleinen Besen wischen, bevor sie ihren Fuss dorthin setzen, damit sie kein Tier zertreten, und mir fällt ein, dass Ochs und Esel in der ersten Reihe standen, ihren Platz, damals, direkt neben Gott hatten.

 

Oder ich sehe das kleine Mädchen, wie es mit einem Sack über den Markt geht und Abfälle von den Gemüsehändlern erbittet, sehe den kleinen Jungen, der Kuhfladen aufsammelt und sie stolz als Brennmaterial nach Hause trägt, sehe Kinder im Abfall spielen, die Mädchen stolz eine Blume im Haar. Ich sehe in strahlenden Augen, wenn ich die Schuhe ausziehe und eine erbärmliche Hütte betrete, sehe Stolz, wenn ich die recht lädierte Tasse nehme, den Tee trinke und ihn lobe.

 

Und dann fällt mir ein, dass es Hirten waren, die als erste Gott besuchten und beschenkten mit wenig, mit dem was hatten: Milch, Käse, Wolle – sie gaben es mit Freuden.

Erst viel später kamen Könige mit Gold, Weihrauch und Myrre.

 

Die Menschen hier opfern in den Gottesdiensten, so wie ich es erlebt habe, keine Geldscheine, nein, ein Ei, ein paar Blumen, eine Handvoll Erdnüsse. Aber sie opfern es nicht, sie schenken es.

 

Hier wird am 24.12. ein König geboren, nicht still und leise, sondern laut mit Tamtam und Musik, ausgelassen und fröhlich.

 

Wenn ich mir die Geschichte der Herbergssuche ins Gedächtnis rufe, fällt mir ein, dass ich hier eine Fremde bin. Und dann schäme ich mich. Denn nie habe ich mich fremd gefühlt. Natürlich als Fremde bestaunt, aber nie als solche verachtet.

 

Habe ich schon einmal bereitwillig Hilfe und Kugelschreiber angeboten, wenn ich jemanden hilflos vor Formularen stehen sah, so wie es der Mann tat, als ich bei der Zugreservierung nach Calcutta nicht weiter wusste? Bin ich eigentlich je mit zur Bushaltestelle gelaufen und habe mich vergewissert, dass der, der mich nach dem Weg gefragt hat, auch in den richtigen Bus einsteigt, so wie es der Mann in Delhi tat, als ich nach dem Weg fragte?

 

Habe ich eigentlich jemals jemanden zum Essen eingeladen, wenn ich sah, dass er die Speisekarte nicht lesen konnte, so wie es das Ehepaar in Hardwar getan hat, die sich dann auch noch sorgten, dass mir als Christin das hinduistische, rein vegetarische Essen vielleicht nicht gut genug sein könnte?

 

Weihnachtsvorbereitungen in Indien!


In diesem Jahr werde ich die Weihnachtsbotschaft mit neuen Ohren hören: Fürchtet Euch nicht, denn siehe, ich verkünde Euch große Freude. Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind! Darum will ich guten Willens sein, alles als Geschenk mit besonderer Freude entgegennehmen, dankbar sein für diese Gegenwart in Indien und getrost das Neue Jahr erwarten.

 

Zu Weihnachten schenkt man sich was. Was soll euch ich schenken? Ich versuche es mal mit dem, was die Menschen in Indien mir schenken:

  • Liebe zum Leben, auch wenn es schwer ist.
  • Ehrfurcht und Respekt vor dem Leben in jeder Form.
  • Vertrauen ins Leben, denn alles ist möglich mit Hilfe Gottes.

So wünsche ich euch schon heute die Gnaden der Weihnacht, Frieden, Freude, Liebe und Vertrauen.

 

© Lieselotte Stadtfeld 2005