Der Tod gehört zum Leben. Er ist das Einzige was sicher ist.
Aber darüber reden oder schreiben? Er ist fast ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft, dabei wurde schon jeder einmal mit ihm konfrontiert. Wenn wir uns aber nicht darüber austauschen, wie dann
damit umgehen?
Warum schreibe ich unter dem Buchstaben T zuerst über den Tod, statt über Tanz und Tempo oder, wenn es denn was Ernstes sein muss, über Transzendenz und Tugenden?
Weil leugnen und verdrängen niemandem nutzt. Er ist ein Fakt, der Tod.
Aber ich schreibe auch darüber, weil ich ihm begegnen musste, dem Tod vor zwei Jahren.
Vielleicht schreibe ich diesen Text ja nur für mich selbst, um mir die Seele frei zu schreiben.
Ich hoffe aber, der Text kann hilfreich sein, für jemanden in einer ähnlichen Situation, kann zum Nachdenken anregen, denn früher oder später ist es für jede/n ein Thema.
Wie schon beim «Wiedereinstieg» erwähnt ist mein Mann am 10.11.2023 gestorben. Zwischen der Diagnosestellung mit aussichtsloser Prognose und seinem letzten Atemzug hatten wir 8 Monate Zeit uns
dem Unausweichlichen zu stellen.
Da wir beide lange Jahre Meditationserfahrung haben, haben wir die Situation, nach ein paar Stunden unter Schock, angenommen wie sie ist und überlegt was ist JETZT zu tun?
Medizinisch: Palliative Chemotherapie und voll Geduld und Vertrauen abwarten.
Organisatorisch: Die letzten Dinge regeln. Patientenverfügung anpassen, den Erbvertrag nochmals überprüfen, aus den Konten meines Mannes Gemeinschaftskonten machen, damit ich auch nach seinem Tod
ungehindert Zugang dazu habe, eine Liste erstellen wer, wann und wie informiert werden sollte.
Alles Arbeiten im Aussen, aber auch im Innern gab es viel zu tun. Kein Kopfkino mit Horrorszenarien. Auf die Gedanken achten, welche Fragen tauchen noch auf, was will noch ge- und erlebt werden.
Da war die Meditation natürlich äusserst hilfreich.
So verging die Zeit. Mal mit guten Tagen, die wir sehr genossen haben mit den Kindern und Enkeln, Familienmitgliedern und Freunden, und sogar noch mit kleinen, kurzen Reisen. Die schlechten Tage
haben wir ertragen, sie waren mal mehr oder weniger mühsam.
Als ein Arzt uns sagte, «Jetzt nur noch ein paar Tage.» haben wir beschlossen in die Stille zu gehen. Es waren dann doch noch drei Wochen. Keine Termine mehr, nur das Allernotwendigste.
In dieser Zeit haben wir angefangen Das andere Totenbuch von Wulf Mirco Weinrich zu lesen. Es ist eine verkürzte, angepasste Version des Tibetischen Totenbuchs und war unserem Geist, unserem
denkenden Verstand, eine grosse Hilfe.
Mein Mann wollte wach bewusst sterben, die Dosis Morphin habe ich seinem Wunsch entsprechend angepasst und zusätzlich mit homöopathischen Mitteln, die inzwischen körperliches Leid verursachenden
Symptome gedämpft. So konnte er noch 6 Tage vor seinem Tod, viel sprechen konnte er nicht mehr, sagen: «Mein Körper vergeht, aber meinem Geist geht es gut.»
Am Morgen des 10.11. wurde ich wach, als ich den Kopf meines Mannes an meinem spürte. Es war soweit. Er hat mit allerletzter Kraft mich geweckt. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Ich konnte
die Balkontür öffnen, mich über ihn beugen, seinen letzten Atemzug noch miterleben und ihn dann bitten ins Licht zu gehen.
Die Texte des Totenbuchs habe ich in eigene Worte gekleidet und bin sicher, sie haben ihn begleitet.
Unbeschreiblich faszinierend war für mich, wie mein Mann immer schöner wurde. Er lächelte, hatte keine einzige Falte mehr im Gesicht. Alle Zeichen der Krankheit, aller Schmerz - nichts
mehr zu sehen. Glückseligkeit pur.
Das Sterben mag mühsam sein, ja schrecklich, der Tod aber ist es nicht!